
Bild: The Odyssey, Regie: Christopher Nolan, © Universal Pictures / Syncopy, 2026.
Das Buch war besser?!
Das Buch war besser?!
Es ist faszinierend, wie viel über die Form von Christopher Nolans Die Odyssee gesprochen wird – über IMAX, Laufzeit, Besetzung und Werktreue – und wie wenig über die eigentliche Geschichte.
Alfred Hitchcock erzählte François Truffaut einmal von zwei Ziegen, die zuerst die Filmrolle einer Romanverfilmung auffraßen und sich anschließend über das Buch hermachten. Am Ende sagte die eine zur anderen: „Das Buch war besser.“
Die Moral der Geschichte: Gefressen wurde beides.
Im Falle der Odyssee wird viel verschlungen und erstaunlich wenig verdaut. Vielleicht weil dieser Stoff dem Menschen so nahekommt, dass es beinahe wehtut, sich das Dilemma des Odysseus genauer anzusehen.
Wir haben uns daran gewöhnt, Filme als ideologische Instrumente zu betrachten. Welche Zielgruppe kann sich mit welcher Figur identifizieren? Sind genügend Frauen vertreten? Entsprechen Hautfarbe, Herkunft und kultureller Hintergrund den gegenwärtigen Erwartungen? Als wäre Universalität die Summe korrekt verteilter Identifikationsangebote.
Doch ein Archetyp fragt nicht, welcher Zielgruppe du angehörst.
Er fragt, ob du dich erkennst.
Geschichten sind universell, weil sich in ihnen dieselben menschlichen Konflikte, Versuchungen und Muster ausdrücken – unabhängig davon, in welcher Zeit sie erzählt werden. Die Reise des Odysseus wurde nicht nur vor Jahrtausenden unternommen. Sie wird ständig unternommen: von jedem Menschen, der sich verirrt, sich selbst belügt, seiner eigenen Hybris erliegt oder nach langer Abwesenheit versucht, nach Hause zurückzukehren.
Vielleicht liegt genau darin das Tragische: Es gibt kein Entrinnen.
Geschichten sind innere Landkarten, ein Kompass des Gewissens. Wer die Parallelen zwischen einer Geschichte und seinem eigenen Leben nicht erkennt und sie bloß als Zeitvertreib konsumiert, der ist schon verloren. Verschluckt von den Tiefen des Meeres. Auf einer Insel festsitzend. Oder unterwegs, um sich vom Gesang der Sirenen trösten zu lassen.
Wer in Nolans Film sitzt und hauptsächlich darüber nachdenkt, was er aus Homers Vorlage übernommen, verändert oder weggelassen hat, an dem ist der Film bereits vorbeigegangen.
Die Frage lautet nicht: Wie originalgetreu ist diese Verfilmung?
Die Frage lautet: Wo in dieser Geschichte befindest du dich?
Auf welcher Insel sitzt du fest und betrauerst ein unerreichbares Ziel? Welche Heldentaten vollbringst du, damit du dein schlechtes Gewissen nicht ansehen musst? Wo nennst du ständige Geschäftigkeit „Verantwortung“? Welche Sirene bestätigt dir genau das, was du ohnehin glauben möchtest?
Und wo opferst du dich für andere auf, ohne zu erkennen, wie unfassbar arrogant das sein kann? Denn wer sich unentbehrlich macht, erklärt den anderen zugleich für unfähig.
Das gilt nicht nur für den Einzelnen. Wo befindet sich eine Gesellschaft, die vorgibt, sich für „Opfer“ einzusetzen und im Zuge dessen jeden Einzelnen entmündigt? Wann wird aus Schutz Kontrolle? Aus Fürsorge Bevormundung? Und wann ist das vermeintlich Gute nur noch eine Möglichkeit, sich seiner eigenen moralischen Überlegenheit zu versichern?
Das sind die eigentlichen Monster der Odyssee.
Nolans Leistung besteht darin, diese Fragen in ein actiongeladenes Hochglanzepos zu verpacken und Mainstreamkino wieder zu einem Erlebnis zu machen. Doch vielleicht kommt ihm der Stoff selbst gefährlich nahe.
Schon Oppenheimer erzählte von einem Mann, dessen größte Leistung nicht von seiner Schuld zu trennen war. Seine Heldentat brachte die Hölle hervor. Odysseus und Oppenheimer verbindet damit mehr, als zunächst sichtbar ist: Beide gewinnen durch ihren Verstand – und müssen anschließend mit dem leben, was ihr Sieg angerichtet hat.
Stolz kommt vor dem Fall.
Ein wirkliches Happy End gibt es weder bei Nolan noch bei Homer. Nach Hause zu kommen bedeutet nicht, wieder derjenige zu sein, der einst aufgebrochen ist. Rückkehr macht das Geschehene nicht ungeschehen.
Das höchste der Gefühle ist vielleicht etwas anderes: die Möglichkeit, die Reise noch einmal anzutreten.
Diesmal mit offenen Augen.