Thursday 12. December 2019

Rilke - From the Book of Hours

Wenn ich gewachsen wäre irgendwo,
wo leichtere Tage sind und schlanke Stunden, 

ich hätte dir ein großes Fest erfunden, 
und meine Hände hielten dich nicht so, 
wie sie dich manchmal halten, bang und hart. 

Dort hätte ich gewagt, dich zu vergeuden, 
du grenzenlose Gegenwart. 
Wie einen Ball 
hätt ich dich in alle wogenden Freuden 
hineingeschleudert, dass einer dich finge 
und deinem Fall 
mit hohen Händen entgegenspringe, 
du Ding der Dinge. 

Ich hätte dich wie eine Klinge 
blitzen lassen. 
Vom goldensten Ringe 
ließ ich dein Feuer umfassen, 

und er müsste mirs halten 
über die weißeste Hand. 

Gemalt hätt ich dich: nicht an die Wand, 
an den Himmel selber von Rand zu Rand, 
und hätt dich gebildet, wie ein Gigant 
dich bilden würde: als Berg, als Brand, 
als Samum, wachsend aus Wüstensand - 

oder 
es kann auch sein: ich fand 
dich einmal... 
      Meine Freunde sind weit, 

ich höre kaum noch ihr Lachen schallen; 
und du: du bist aus dem Nest gefallen, 
bist ein junger Vogel mit gelben Krallen 
und großen Augen und tust mir leid. 
(Meine Hand ist dir viel zu breit.) 
Und ich heb mit dem Finger vom Quell einen Tropfen 
und lausche, ob du ihn lechzend langst, 

und ich fühle dein Herz und meines klopfen 
und beide aus Angst. 


English version:
 




If I had grown up in a land where days,

were free from care and hours were delicate,
then I would have contrived a splendid fête
for you, and not have held you in the way
I sometimes do, tightly in fearful hands.
 

There I would have been bold to squander you,
you boundless Presence.
Like a ball
I would have flung you among all tossing joys,
so one might catch you,
and if you seemed to fall,
with both hands high would spring
toward you,
you thing of things.
 

I would have let you flash
forth like a sword.
From the most golden of all rings
I would have taken your fire and

reset it in a mounting that would hold it
over the whitest hand.


I would have painted you: not on the wall,
but upon very heaven from verge to verge,
and would have shaped you, as a giant would:
you, as a mountain, as a blazing fire,
as the simoon, grown from the desert’s surge —
or
it may be, in very truth, I found
you once...
      My friends are far away,

I scarcely hear their laughter any more;
and you: ah, you have fallen from the nest,
a fledgling, yellow-clawed with big eyes:
I grieve for you.
(In my broad hand your tininess is lost).
And from the well I lift a drop
upon my finger, intent if you’ll stretch
a thirsty throat for it,

and then I hear, your heart and mine beating,
and both with fear.

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